Anleitung

Regenwasser im 4. Stock: Was ich rausbekam.

Ein Protokoll aus einem Jahr Regenwasser-Experimenten auf einem dachtraufenlosen Stadtbalkon — mit Zahlen, Niederlagen und einem brauchbaren Ergebnis.

Regenwassersammelbehälter auf einem Etagenbalkon.

Ich wohne im vierten Stock, Balkon Richtung Süden, neun Quadratmeter, keine Dachrinne. Der Balkon über mir hat ein kleines Metallgeländer, das etwa dreißig Zentimeter über meiner Brüstung endet. Wenn es regnet, fällt Wasser auf meine Bohlen.

Ich habe ein Jahr damit verbracht herauszufinden, wie viel ich davon nutzen kann.

Ausgangslage: Das Versprechen und die Physik

Die Idee klang vernünftig. Regen fällt, ich fange auf, ich gieße damit. In ländlichen Gegenden funktioniert das mit großen Zisternen und Dachrinnen, die Hunderte von Litern sammeln. Aber ich habe keine Dachrinne. Ich habe einen offenen Balkon.

Zunächst zur Theorie. Ein Millimeter Regen entspricht einem Liter pro Quadratmeter Auffangfläche. Bei neun Quadratmetern Balkonfläche und zehn Millimetern Regen — einem normalen Frühlingsregen — wären das theoretisch neunzig Liter.

Das ist die Theorie.

Die Praxis auf einem offenen Balkon ohne Dachüberstand sieht anders aus. Der Regen fällt auf meine Holzbohlen, versickert dort und läuft ab. Er fällt auf die Töpfe. Er fällt auf den Tisch. Nichts davon ist für mich gesammelt; es versickert oder läuft durch die Balkonöffnungen ab. Um Wasser aktiv zu sammeln, muss ich eine Fläche schaffen, die das Wasser zu einer Stelle leitet.

Was ich ausprobiert habe

Versuch 1: Ein Eimer unter einem Tischüberhang. Der Tisch hat eine Schieferplatte, leicht nach einer Seite geneigt. Ich habe einen Zehn-Liter-Eimer darunter gestellt. Bei einem Regentag mit fünf Millimetern Niederschlag bekam ich etwa sechs Deziliter. Das ist kein Fehler. Sechs Deziliter.

Die Auffangfläche war zu klein — etwa ein halber Quadratmeter. Mit der Formel: 0,5 m² × 5 mm = 2,5 Liter theoretisch. Abzüglich Verdunstung, Spritzwasser, Verdrift: gut 600 Milliliter. Die Mathematik stimmte, das Ergebnis war enttäuschend.

Versuch 2: Eine Plane mit Trichterprinzip. Ich habe eine Gartenplane von etwa vier Quadratmetern schräg über den Balkon gespannt, die Ecken leicht tiefer als die Mitte, mit einem Loch in der tiefsten Stelle und einem Schlauch in einen Kanister. Das war optisch grenzwertig — ich wohne nicht allein im Haus, und die Hausverwaltung wurde freundlich gefragt.

Das Ergebnis: Bei einem Regenereignis mit acht Millimetern Niederschlag kamen etwa siebzehn Liter in den Kanister. Das war das erste Mal, dass ich dachte: das funktioniert.

Aber die Plane bleibt nicht dauerhaft gespannt. Ich müsste sie bei jedem Regen aufbauen, oder permanent, was nicht akzeptabel war für die Wohnqualität.

Die Legales-Recherche

Ich habe mich gefragt, ob Regenwassernutzung auf einem Stadtbalkon in Deutschland rechtlich relevant ist.

Die kurze Antwort: für den Balkongarten nein. Regenwasser, das auf dem eigenen Balkon gesammelt und zur Pflanzenbewässerung genutzt wird, ist nicht regulierungspflichtig. Die Trinkwasserverordnung betrifft Systeme, die ins Hausnetz eingespeist werden; das betrifft mich nicht.

Was ich klären musste: ob die Hausverwaltung Einwände gegen dauerhafte Sammelbehälter hat. In meinem Mietvertrag steht nichts dazu. Ich habe nachgefragt und bekam ein informelles Ja, solange keine Bausubstanz verändert wird. Das ist die Mietwohnung-Regelung, mit der die meisten von uns jonglieren müssen.

Was wirklich funktioniert: der Eimer bei Regen

Das klingt banal. Es ist banal. Ich stelle bei Regen zwei große Eimer — je fünfzehn Liter — unter die beiden Stellen des Balkons, wo das Wasser nach unten läuft, wenn der Balkon über mir nass wird. Das sind zwei Punkte, die ich inzwischen kenne.

An einem guten Regentag (zwanzig Millimeter und mehr, Dauerregen) bekomme ich zehn bis fünfzehn Liter. An einem kurzen Sommerregen (drei bis fünf Millimeter) kaum etwas. Der Median liegt für meinen Balkon irgendwo bei fünf bis acht Litern pro Regenereignis, wenn ich aktiv dranbleibe.

Das reicht nicht für den gesamten Bewässerungsbedarf eines Sommers. Für meine elf Töpfe mit überwiegend Sommertrockenstress-Managementstrategie sind das bei etwa zwei Gießtagen pro Woche etwa dreißig bis vierzig Liter Bedarf — da deckt Regenwasser vielleicht zwanzig bis dreißig Prozent ab, in einem regenreichen Sommer mehr.

Das ist kein Triumph. Es ist ein Beitrag.

Was ich gelernt habe

Erstens: Die Rechnung funktioniert nur mit echter Auffangfläche. Kein Eimer unter einem freistehenden Balkon sammelt passiv genug. Wer ernsthaft sammeln will, braucht eine überdachte Fläche oder eine gespannte Plane — und muss entscheiden, ob der Aufwand stimmt.

Zweitens: Die beste Sammeltaktik ist aktiv, nicht passiv. Das bedeutet: bei Regenankündigung raushören, Behälter rausstellen, nach dem Regen reinholen.

Drittens: Regenwasser ist leicht sauer und kalkarm — das schätzen viele Balkonpflanzen mehr als Leitungswasser. Das ist kein Fantasieargument: Rhododendren und Hortensien reagieren sichtbar positiv. Für die meisten Kräuter ist der Unterschied marginal, aber er ist da.

Das vollständige System — mit Materialempfehlungen und einem Entscheidungsrahmen — findest du in der Anleitung Regenwasser im 4. Stock sammeln.


Was ich nach einem Jahr sagen kann: Regenwassersammlung auf einem Stadtbalkon ohne Dachrinne ist möglich, aber sie ist kein System. Sie ist eine Praxis — mit Eimern, Aufmerksamkeit, und der nüchternen Bereitschaft, zwanzig Prozent als Erfolg zu verbuchen.

Manche Dinge im Balkongarten sind so. Man macht sie trotzdem.