Tierporträt · Netzflügler

Gewöhnliche Florfliege & dein Balkon

Zartgrüner Netzflügler mit goldenen Augen. Larve frisst bis zu 500 Blattläuse, erwachsene Tiere überwintern rosa-braun gefärbt in Wohnungen und Schuppen.

Gewöhnliche Florfliege (Chrysoperla carnea) mit hauchzart-transparenten, grün-geäderten Flügeln und kupferfarbenen Augen an der Unterseite eines großen Blattes im Morgentau.

Aktivität · Wie du hilfst Netzflügler
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April – Oktober (Larven), erwachsene Tiere ganzjährig

Größe
15–20 mm
Nistplatz
Eier an Blattunterseiten; Überwinterung in Gebäuden, Schuppen, Holzstapeln
Schutzstatus
Ungefährdet
Was ihm/ihr hilft
  • Florfliegenhaus mit Stroh am Balkon
  • Keine Insektenmittel
  • Blattlaus-tragende Pflanzen dulden
  • Überwinternde Tiere in Wohnungen nicht stören
GruppeNetzflügler
Größe15–20 mm
AktivApril – Oktober (Larven), erwachsene Tiere ganzjährig
NistplatzEier an Blattunterseiten; Überwinterung in Gebäuden, Schuppen, Holzstapeln
SchutzstatusUngefährdet
Was ihr hilftFlorfliegenhaus mit Stroh am BalkonKeine InsektenmittelBlattlaus-tragende Pflanzen duldenÜberwinternde Tiere in Wohnungen nicht stören

Der unauffällige Nützling mit den goldenen Augen

Die Gewöhnliche Florfliege (Chrysoperla carnea) ist eines der wirksamsten heimischen Räuberinsekten — und eines der am häufigsten übersehenen. Dieser Tierführer-Eintrag erklärt, warum die Larve im Garten als „Blattlauslöwe" gilt und warum erwachsene Florfliegen im Winter rosa-braun gefärbt auf Dachböden und in Wohnungen sitzen.

Auf den ersten Blick wirkt sie unscheinbar: zartgrüner Körper, durchsichtige Flügel mit feinem Adernetz, große goldfarbene Augen. Die Imago ist 15–20 mm groß. Die Larve sieht völlig anders aus — krokodilartig, mit gebogenen Saugzangen, kaum wiedererkennbar als dieselbe Art. Beide Lebensformen halten Blattläuse auf Balkonpflanzen in Schach, ganz ohne Spritzmittel.


Steckbrief

  • Familie: Echte Florfliegen (Chrysopidae), Ordnung Netzflügler (Neuroptera)
  • Körper: zartgrün im Sommer, rosa-braun in der Wintertracht ab Oktober
  • Augen: auffällig goldglänzend, daher der englische Name „goldeneye"
  • Flügel: durchsichtig, geädert, in Ruhe dachartig über dem Körper
  • Größe: 15–20 mm Körperlänge, Flügelspannweite bis 30 mm
  • Larve: 7–10 mm, krokodilartig, beige-braun mit dunklen Längsstreifen, große Saugzangen
  • Aktivität: dämmerungs- und nachtaktiv, am Tag versteckt an Blattunterseiten
  • Verbreitung: ganz Deutschland, häufig in Gärten, Parks, an Balkonen

Die Familie der Florfliegen umfasst in Deutschland rund 35 Arten — Chrysoperla carnea ist die mit Abstand häufigste und auf dem Balkon praktisch immer gemeint, wenn von „der" Florfliege gesprochen wird.


Lebenszyklus

Eine vollständige Generation von Ei bis Imago dauert je nach Temperatur drei bis sechs Wochen. Pro Jahr werden in Mitteleuropa zwei bis drei Generationen ausgebildet.

PhaseDauerDetails
Ei (auf Stiel)5–10 Tageweiß bis grünlich, an Blattunterseiten, einzeln oder in lockeren Gruppen
Larve L1–L32–3 Wochendrei Larvenstadien, frisst Blattläuse und Weichkörperlinge
Puppe1–2 Wochenweißer Seidenkokon an Blatt oder Rinde
Imago Sommermehrere Wochenzartgrün, frisst Pollen, Nektar, Honigtau, legt Eier
Imago WinterNovember–Märzrosa-braune Wintertracht, in Gebäuden in Starre

Die Eier sind das auffälligste Erkennungszeichen. Sie sitzen auf rund 1 cm langen, haardünnen Stielen — eine evolutionäre Schutzmaßnahme, weil frisch geschlüpfte Larven kannibalisch sind und Geschwister-Eier am Stiel nicht erreichen.

Die Larve durchläuft drei Stadien, jeweils mit einer Häutung dazwischen. Sie ist tag- und nachtaktiv, läuft schnell, sucht aktiv nach Beute. Ausgewachsene Larven verlassen die Pflanze und spinnen einen erbsengroßen weißen Kokon an einer geschützten Stelle.


Nahrung — wer was frisst

Der Unterschied zwischen Larve und Imago ist drastisch:

Larve (Blattlauslöwe):

  • Blattläuse aller heimischen Arten — Hauptbeute, bis zu 500 Stück in zwei bis drei Wochen
  • Spinnmilben — vor allem auf Tomaten und Hortensien
  • Thripse, Schildlauslarven, Wollläuse
  • Eier kleinerer Schmetterlinge und Käfer
  • bei Beutemangel auch andere Florfliegen-Larven

Imago (erwachsenes Tier):

  • Pollen
  • Nektar aus offenen Blüten
  • Honigtau — die zuckerhaltigen Ausscheidungen der Blattläuse, die ihre Larven jagen
  • bei manchen Arten zusätzlich Beute, Chrysoperla carnea aber nicht räuberisch im Imagostadium

Das macht die Florfliege zu einem besonders dankbaren Balkonnützling: Die Erwachsenen brauchen lediglich blühende Pflanzen, die Larven erledigen die Blattlausarbeit. Wer Schädlingsspray verwendet, killt beide Stufen und untergräbt das System.


Überwinterung — die Wintertracht

Hier wird die Florfliege besonders. Im September und Oktober wechseln die erwachsenen Tiere ihre Färbung: Aus zartgrün wird rosa-braun. Diese Wintertracht ist eine reversible physiologische Anpassung — im Frühjahr werden die Tiere wieder grün.

Wohin sie ziehen:

  • Dachböden, Schuppen, Garagen
  • Spalten in Holzstapeln und Brennholzlagern
  • hinter Fensterläden und Rollladenkästen
  • in Wohnungen, vor allem in wenig geheizten Räumen
  • gelegentlich Vogelnester und alte Hummelnester

In Wohnungen sind sie häufig zu finden — an Wänden, in Fensterecken, hinter Vorhängen. Viele Menschen halten sie für eine Schädling und entfernen sie. Tatsächlich sind sie eine Investition in das nächste Gartenjahr: Jede überwinterte Florfliege legt im Frühjahr zwischen 200 und 600 Eier.

Wichtig: Heizungswärme ist die häufigste Todesursache überwinternder Florfliegen. Bei dauerhafter Zimmertemperatur über 18 °C verbrauchen sie ihre Fettreserven, ohne in Starre zu fallen, und sterben im Februar. Wer einen kühlen Treppenhauskeller, Schuppen oder Dachboden hat, kann gefundene Tiere dorthin umsetzen — in einem offenen Glas, das sie selbst verlassen.

Eine Florfliege im Wohnzimmer ist kein Eindringling, sondern ein Übergangsgast. Sie schadet nichts. Sie braucht nur Ruhe.


Bestand und Schutz

Chrysoperla carnea gilt als häufig und ungefährdet. Konkrete Bestandszahlen liegen wegen der versteckten Lebensweise nicht vor. Die Art profitiert von Gebäuden als Winterquartier und ist in Städten oft dichter vertreten als in der Agrarlandschaft.

Drei Faktoren begrenzen den Bestand:

  1. Insektizid-Einsatz — Pyrethroide und Neonicotinoide töten Larven und Imagines, gleichzeitig fehlt durch Blattlausvernichtung die Nahrungsgrundlage.
  2. Verlust von Überwinterungsplätzen — abgedichtete Dachböden, geräumte Holzstapel, sanierte Fensterläden.
  3. Lichtverschmutzung — die nachtaktive Imago wird von künstlichem Licht angezogen, verlässt geeignete Habitate und vergeudet Energie.

Das Bundesamt für Naturschutz führt die Art nicht in der Roten Liste — sie ist aber ein wichtiger Indikator für insektenfreundliche Stadtflächen.


Wie der Balkon hilft

Florfliegen sind dankbare Balkongäste, wenn drei Bedingungen erfüllt sind:

Empfehlungen für den Florfliegen-Balkon

Florfliegen brauchen blühende Pflanzen für die Imagines, Blattlaus-tragende Pflanzen für die Larven und strukturierte Überwinterungsplätze. Diese Produkte decken alle drei Aspekte ab.

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1. Blattläuse dulden, nicht spritzen. Wer im Mai die ersten Blattläuse auf Rosen oder Kapuzinerkresse abwischt oder mit Wasserstrahl entfernt, statt zu spritzen, hat im Juni Florfliegen-Larven. Wer spritzt, hat weder Blattläuse noch Nützlinge — und im Juli die nächste Welle ohne Räuber.

2. Blühende Pflanzen für die Imagines. Doldenblütler wie Dill, Fenchel oder Wiesenkerbel sind ideal — offene flache Blüten mit gut zugänglichem Nektar. Korbblütler wie Kosmos oder Schafgarbe ergänzen. Heimische Pflanzen funktionieren besser als gefüllte Zuchtsorten.

3. Überwinterungshilfe bereitstellen. Ein Florfliegenhaus — ein roter Holzkasten mit schmalen Einflugschlitzen und Strohfüllung — wird ab Oktober gut angenommen. Die rote Farbe spielt biologisch keine Rolle, ist aber eine Konvention im Fachhandel. Selbstbau mit Holzkasten 20 × 20 × 30 cm, Schlitzöffnungen 3 mm breit, locker mit sauberem Roggen- oder Weizenstroh gefüllt. Position: an einer Wand im Halbschatten, mindestens 1,5 m über Boden, regengeschützt.

Wer Florfliegen-Larven gezielt kaufen will: Im Pflanzenhandel gibt es sie als biologisches Pflanzenschutzmittel gegen Blattlausbefall. Für den Balkon ist das selten nötig — die heimischen Tiere kommen, wenn die Bedingungen stimmen.


Verwechslungsarten

ArtMerkmal
Gewöhnliche Florfliege (Chrysoperla carnea)zartgrün, goldene Augen, 15–20 mm, in Wintertracht rosa-braun
Andere Florfliegen-Arten (Chrysopidae)meist grün, oft kleiner, teilweise mit dunklen Punkten am Kopf
Florwespen (Hemerobiidae)grau-braun, behaart, deutlich kleiner (5–10 mm), unscheinbar
Schwebfliegen-Larvemadenartig, ohne Saugzangen, frisst ebenfalls Blattläuse
Marienkäfer-Larvegrau-schwarz mit orangen Punkten, krabbelt schnell, ebenfalls Blattlausjäger

Die Florwespen werden oft mit Florfliegen verwechselt, sind aber kleiner, brauner und behaarter. Auf dem Balkon spielt der Unterschied selten eine Rolle — beide Familien sind Nützlinge.


Häufige Fragen

Warum überwintern Florfliegen in meiner Wohnung?

Weil unsere Häuser ihre natürlichen Winterquartiere ersetzt haben. In intakten Wäldern überwintert Chrysoperla carnea unter Borkenschuppen, in Spalten alter Bäume, unter Laubschichten. In der Kulturlandschaft fehlen diese Strukturen — Dachböden, Schuppen und Wohnungen sind der Ersatz. Sie sind keine „Eindringlinge", sondern angepasste Saisongäste.

Beißen oder stechen Florfliegen?

Nein. Erwachsene Tiere haben keine Saugzangen mehr, sondern weiche Mundwerkzeuge zum Pollenlecken. Die Larven haben kräftige Saugzangen, sind aber zu klein, um menschliche Haut zu durchdringen. Ein Hautkontakt ist harmlos.

Wie lange leben erwachsene Florfliegen?

Sommertiere etwa vier bis sechs Wochen. Wintertiere — die rosa-braune Wintertracht — überleben sechs bis acht Monate, von Oktober bis April. Diese überwinterten Tiere legen im Frühjahr die ersten Eier und starten die neue Generation.

Wo finde ich Florfliegen-Eier?

An Blattunterseiten von Pflanzen mit Blattlausbefall. Die weißen Eier auf langen Stielen sind sehr charakteristisch und nicht mit Pilzbefall zu verwechseln. Wer sie findet: stehen lassen, nicht abwischen — die Larven schlüpfen nach 5–10 Tagen und arbeiten am selben Strauch weiter.