Anleitung

Einen Quadratmeter für die Würmer: Was ich lernte.

Ein Jahr Wurmkompostierung auf dem Stadtbalkon — Kaffeesatz, Fruchtfliegen, reicher Humus, und das überraschende Ergebnis, dass es eigentlich funktioniert.

Wurmkompost-Box mit Kompostwürmern und Küchenabfällen.

Im Herbst letzten Jahres habe ich meinen kleinen Balkon neu verteilt. Vier Quadratmeter, davon zwei Töpfe weniger, und dafür: eine Wurmkiste, etwa sechzig mal vierzig Zentimeter Grundfläche. Ich wollte verstehen, ob Wurmkompost auf einem Stadtbalkon wirklich funktioniert — ohne Geruch, ohne Chaos, ohne den Aufwand, den ich befürchtete.

Ein Jahr später kann ich sagen: es funktioniert. Mit Einschränkungen. Und mit ein paar gelernten Lektionen, die mir vorher niemand erklärt hatte.

Der Anfang: Würmer kaufen und Erwartungen sortieren

Ich habe die Kompostwürmer (Eisenia fetida, die roten Kompostwürmer, nicht der gewöhnliche Regenwurm) bei einem spezialisierten Versandanbieter bestellt. Zweihundert Gramm Würmer — das klingt nach wenig, ist aber ein guter Einstieg. Kompostwürmer vermehren sich, wenn die Bedingungen stimmen.

Was ich unterschätzt hatte: die Würmer brauchen Zeit, um eine neue Kiste anzunehmen. Die erste Woche lag ich falsch — ich hatte erwartet, dass sie sofort anfangen zu fressen. Stattdessen blieben sie nah an der Oberfläche, wühlten wenig, fraßen kaum. Sie haben sich orientiert.

Nach etwa zehn Tagen änderte sich das Bild. Sie waren tief in der Kiste, das erste Material wurde dunkel.

Was ich gefüttert habe — und was nicht

Kompostwürmer fressen organisches Material, das leicht zersetzbar ist. Kaffeesatz war der Dauerbrenner — ich trinke täglich Filterkaffee, und die Würmer schienen Kaffeesatz wie nichts anderes zu mögen. Gemüseschnipsel, Salatblätter, Obstschalen (außer Zitrus, dazu gleich), feuchtes Zeitungspapier als Kohlenstoffquelle.

Was ich nie hätte einwerfen sollen: Zwiebelschalen. Die zersetzen sich zwar, aber während der Zersetzung entstehen schwefelige Verbindungen, die die Würmer stressen. Ich hatte Zwiebelschalen aus einer Suppe eingeworfen und drei Tage später eine ungewöhnlich ruhige Kiste. Seitdem: keine Zwiebeln.

Zitrusfruchtschalen sind ein häufig genanntes Problem. Ich habe sie weggelassen und keine Erfahrung damit gemacht — aber die Literatur ist hier eindeutig genug, dass ich es nicht ausprobieren wollte.

Das Verhältnis von feuchtem, stickstoffreichem Material (Gemüse, Kaffeesatz) zu trockenem, kohlenstoffreichem Material (Papier, Karton) war entscheidend. Zu viel Feuchtes ohne ausreichend Trockenes: der Inhalt wird nass und anaerob, und dann kommt der Geruch.

Die Fruchtfliegen-Episode

Im August hatte ich zwei Wochen zu feuchte Kiste. Zu viele Wassermelonenschalen auf einmal, zu wenig Papier. Das Resultat war eine Population Fruchtfliegen (Drosophila), die nicht dramatisch war, aber unangenehm.

Ich habe mehrere Lagen eingeweichtes, dann ausgedrücktes Zeitungspapier als Abdeckung auf das gesamte Material gelegt. Das schneidet die Fruchtfliegen von der Eiablage ab, ohne die Würmer zu stören. Nach einer Woche war das Problem weitgehend gelöst.

Der Geruch — der andere große Einwand gegen Wurmkompost auf dem Balkon — war während dieser Zeit leicht erdeartig, aber nicht unangenehm. Das ist kein Standardergebnis; ich habe Berichte gelesen von Kisten, die schlimm rochen. Meine These ist, dass das Verhältnis und die Abdeckung entscheidend sind. Wenn der Kompost gut läuft, riecht er nach Wald nach einem Regen.

Was herauskommt

Nach etwa sechs Monaten habe ich erstmals Wurmhumus entnommen — eine dunkelbraune, krümelige Erde ohne erkennbare Partikel. Ich habe ihn in meine Anzuchterde eingemischt (etwa zehn bis fünfzehn Prozent Anteil) und festgestellt, dass die Töpfe damit deutlich weniger häufig gegossen werden mussten. Wurmhumus verbessert die Wasserhaltekapazität — das war kein Placebo.

Die Ausbeute über ein Jahr: ich schätze etwa fünf bis acht Liter fertiger Humus aus einer Kiste dieser Größe. Das reicht nicht, um den gesamten Substratbedarf zu decken, aber es reicht als Beimischung für alle Töpfe. In Verbindung mit einer torffreien Eigenerde ist das ein spürbarer Unterschied.

Wer tiefer in die Theorie einsteigen will, was in torffreier Erde passiert und warum Humus dort eine andere Rolle spielt als in torfbasierten Substraten, findet das im Glossar.

Überwinterung

Im Winter haben sich die Würmer verlangsamt. Bei Temperaturen unter fünf Grad essen und fressen sie kaum. Ich habe die Kiste in der kältesten Zeit ins Treppenhaus gestellt — dort ist es nicht warm, aber frostfrei. Ab März waren sie wieder aktiv.

Wenn die Kiste draußen bleibt: gut isolieren, zum Beispiel mit einer Styroporplatte oben und einer Decke drum. Kompostwürmer sterben nicht bei ein, zwei Grad, aber unter null werden sie geschädigt.


Was ich nach einem Jahr sagen kann: Wurmkompostierung auf dem Balkon ist kein Selbstläufer, aber kein Hexenwerk. Sie verlangt Aufmerksamkeit — nicht täglich, aber wöchentlich. Und sie gibt zurück: Erde, die man nirgendwo kaufen kann, weil niemand sie so zusammensetzt wie die Würmer selbst.

Ich habe dem Balkon einen Quadratmeter gegeben. Sie haben mir Erde zurückgegeben.