Warum die Honigbiene das Bienensterben nicht löst.
Mehr Honigbienenvölker helfen bedrohten Wildbienenarten nicht — sie konkurrieren mit ihnen. Ein Essay über 565 Wildbienenarten, die niemand meint.

In Supermärkten hängen Plakate, auf denen Bienen summend durch Blüten fliegen. Der Slogan darunter ist in allen Varianten derselbe: Wir schützen die Bienen. Gemeint ist fast immer Apis mellifera — die Westliche Honigbiene. Das Tier, das Honig macht, das in Bienenstöcken lebt, das Imker betreuen. Eine Nutztierart. In Deutschland: schätzungsweise eine Million Völker.
Was auf diesen Plakaten nicht vorkommt: die 565 anderen Bienenarten, die in Deutschland leben. Die Wildbienen. Unter ihnen Hummelarten, Mauerbienen, Sand- und Wollbienen, Zwitterbienen, Schmalbienen. Fast 50 Prozent davon stehen auf der Roten Liste — gefährdet, stark gefährdet, oder vom Aussterben bedroht. Niemand macht Plakate für sie.
Das ist das Paradox, um das es in diesem Text geht.
Nutzvieh und Wildtier
Die Honigbiene ist kein Wildtier. Sie ist Nutztier — domestiziert, gezüchtet, in Kästen gehalten, gegen Krankheiten behandelt. Die Varroa-Milbe, ihr größter Feind, ist längst in jedem Bienenstock Deutschlands präsent; ohne regelmäßige Behandlung durch Imker würde ein Volk in zwei bis drei Jahren zusammenbrechen. Die Honigbiene überlebt in der heutigen Kulturlandschaft fast nur unter menschlicher Obhut.
Die Wildbiene hat diese Obhut nicht. Sie findet ihr Futter selbst, nistet selbst — in hohlen Stängeln, in Sandböden, in Lehmmauern — und überwintert ohne Hilfe. Wenn ihre Lebensräume schrumpfen, schrumpft sie mit.
Das ist der entscheidende Unterschied. Wenn eine Imkerin ihr Volk verliert, kauft sie ein neues. Wenn eine Blauschwarze Holzbiene ihren Nistplatz verliert, ist sie weg. Kein Ersatz. Kein Backup.
Konkurrenz um Nektar
Hier beginnt der Teil, der manchen unangenehm ist.
Ein Honigbienenvolk besteht im Sommer aus bis zu 60.000 Tieren. Ein Mauerbienennest: vielleicht zehn bis zwanzig Brutzellen. Der Nektarbedarf ist entsprechend unterschiedlich. Wenn in einem innerstädtischen Gebiet die Imkerdichte steigt — und sie ist in deutschen Städten in den letzten zehn Jahren erheblich gestiegen —, erhöht sich der Nektardruck auf alle verfügbaren Blühpflanzen. Das Angebot bleibt dasselbe. Die Nachfrage nicht.
Studien aus Wien, London und Berlin zeigen übereinstimmend: hohe Honigbienendichte korreliert mit reduzierter Wildbienendiversität in urbanen Räumen. Das ist kein Zufall. Das ist Ressourcenkonkurrenz.
Die Honigbiene verdrängt keine Wildbienen aktiv — keine Angriffe, keine direkte Feindschaft. Aber sie ist die stärkere Konkurrentin, weil sie mehr Tiere schickt, schneller schickt, und sich weiter entfernte Quellen erschließt. Die Zaunrüben-Sandbiene, die auf Bryonia dioica spezialisiert ist und keinen anderen Pollen akzeptiert, kann nicht ausweichen. Entweder blüht die Zaunrübe in Reichweite — oder sie verhungert.
Was „bienenfreundlich" meistens bedeutet
Wenn eine Stadtverwaltung ein „bienenfreundliches" Wildblumenbeet einrichtet, denkt sie — fast immer — an Bilder summender Honigbienen. Das Beet ist gut. Wirklich. Aber die Kommunikation um das Beet erzählt eine unvollständige Geschichte.
Wirklich wildbienenfreundliche Bepflanzung denkt in Artspezifizität. Echium vulgare für Wollbienen. Campanula für Sandbienen. Anchusa für Mauerbienen. Heimische Stauden, die Nistplätze in der Erde dulden. Offener Sand. Stehende Stängel im Winter. Das sind Maßnahmen, die nützen — und die in keiner Supermarkt-Kampagne auftauchen, weil sie sich nicht in ein Lifestyle-Bild übersetzen lassen.
Die Gegenüberstellung von Honigbiene und Wildbiene ist keine Feindschaft. Sie ist ein Kommunikationsproblem.
Was wirklich hilft
Für Wildbienen gibt es drei entscheidende Faktoren: Nahrung, Nistplatz, Kontinuität. Nicht ein Beet, das im Juli gebaut und im Oktober abgemäht wird. Nicht eine Nisthilfe, die hübsch aussieht, aber aus zu glattem Holz gebohrt ist. Kontinuität — ein Ort, der über Jahre stabil bleibt, an dem sich Populationen aufbauen können.
Ein Balkon mit fünf heimischen Arten, ungefüllten Blüten, ein paar offenen Stängeln und einem Topf Sand im hinteren Winkel: das ist tatsächlich Wildbienenförderung. Kein Plakat. Keine Kampagne. Aber real.
Ich stehe nicht gegen Imker. Ich stehe nicht gegen Honig. Ich stehe für die 565 Arten, die niemand meint, wenn alle von Bienen reden.
Sie brauchen keine Werbung. Sie brauchen Lebensraum.